Akademiker und Arbeitslosigkeit

Bildquelle: Brocreative / Shutterstock.com

Wer in den 1980er Jahren von der Uni kam, hatte den unmittelbaren Berufsstart so gut wie sicher. Daran hat sich einiges geändert. Viele Akademiker stehen nach dem Abschluss zunächst auf der Straße, im Kopf nur eine Frage: “Wo ist eigentlich eigentlich der Fachkräftemangel”, wenn man ihn einmal braucht?”

Eine Frage, die vor allem Sozial- und Geisteswissenschaftler beschäftigt. Denn Wirtschafts-Wissenschaftler und Ingenieur finden nach wie vor recht schnell eine Anstellung.

Gestern Heidegger, morgen Hartz IV

Im Allgemeinen gelten fortgeschrittenes Alter und mangelnde Ausbildung als Killer-Kriterien, wenn es um Jobchancen geht. Im Umkehrschluss: Junge Menschen, zumal frisch von der Uni, haben beste Aussichten, kurz nach dem Abschluss in den Job zu kommen.

Tatsächlich liegt die Quote für langzeitarbeitslose Akademiker unter 5 Prozent, bei Personen ohne anerkannte Ausbildung bei über 50 Prozent. Damit sollten sich Absolventen eigentlich keine Sorgen um ihre Zukunft machen müssen.

Doch ganz so einfach ist es nicht: Laut einem Bericht der Wochenzeitung Die Zeit sind nach zwei Jahren nur 10 Prozent der fertigen Ingenieure arbeitslos, aber Geisteswissenschaftler selbst nach fünf Jahren noch zu rund 30 Prozent.

Regelsatz und Mietzuschuss

Betroffen sind nicht nur  “Orchideenfächler“, sondern auch Studenten verbreiteter Disziplinen wie Soziologie, Anglistik oder Philosophie: Gestern noch Heidegger, morgen schon Hartz IV. Arbeitslose Akademiker bekommen – in Ermangelung nennenswerter Arbeitszeiten mit Lohnsteuerpflicht – in der Regel Arbeitslosengeld 2. Konkret: Aktuell 382 Euro Regelsatz plus Mietzuschuss als Lohn für das “Mehr” an Bildung.

Hinzu kommen regelmäßige, verbindliche Termine beim Jobcenter, Sanktionen bei Nicht-Einhalten, Auflagen zur Anzahl der monatlichen Bewerbungen sowie Rechtfertigungen von Abwesenheitszeiten, Wohnungsgröße und Handytarif.

Im Gegenzug deckt beispielsweise die Summe, die die Agentur für Bewerbungskosten rückerstattet, die tatsächlichen Kosten für Kopien, Mappen und Porto häufig nur zum Teil. Und selbst dieses Geld bekommt nur, wer vorher einen Antrag gestellt hat und den finanziellen Aufwand nachweisen kann (z.B. durch schriftliche Absagen der Unternehmen). Das gleiche gilt für Fahrtkosten, wenn Sie zu einem Vorstellungsgespräch in eine andere Stadt fahren müssen.

Dass man von Hartz IV nicht fürstlich leben kann (und soll), erscheint einerseits logisch. Aber: Wer sich einen Minijob sucht, um etwas besser als nur “gerade so” über die Runden zu kommen, muss mit Abzügen rechnen, sobald der Zuverdienst die gesetzliche Grenze von derzeit 100 Euro übersteigt.

Gründe für Arbeitslosigkeit

Hartz IV als Strafe fürs Studium? Die Vermutung liegt angesichts dieser Umstände nah. Es kursiert bereits der Begriff des “Bildungsprekariats”. Der Grund dafür liegt zum Einen am Studium selbst: Während beispielsweise Lehrämtler, Juristen und Mediziner auf ein konkretes Berufsfeld vorbereitet werden, steht Geistes- und Sozialwissenschaftlern theoretisch alles an Jobs zur Verfügung. Oder eben nichts.

Vermutlich liegt es gerade an dieser prinzipiellen “Offenheit”, warum auf dem Arbeitsmarkt mehr Betriebswirtschaftler und Ingenieure gesucht werden als beispielsweise Germanisten, Ethnologen oder Politikwissenschaftler.

Folglich wissen viele Absolventen der “weichen” Disziplinen bis zum Ende des Studiums noch gar nicht, was sie wirklich wollen. Praktika können helfen, sich beruflich zu orientieren. Die sind aber bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern nicht immer planmäßig im Studienverlauf vorgesehen (im Gegensatz z.B. zu wirtschaftswissenschaftlichen Fächern).

Stattdessen ist hier vor allem Eigeninitiative gefragt. Sich aber aus dem straff organisierten Studienverlaufsplan der Bachelor- und Master-Studiengänge zu lösen, ist nicht immer ohne Zeitverlust möglich. Das bestätigt eine Umfrage von Campus Career Network, rund zehn Jahre nach Einführung der “neuen” Studiengänge.

Doch anstatt in motivierte Anfänger zu investieren, schreiben viele Wirtschaftsunternehmen Stellen für “eierlegende Wollmilchsäue” aus. Ein jüngerer Bewerber mit besseren Zeugnissen und mehr Referenzen Beruf und Ausland findet sich schließlich immer. Daher bleiben nicht ganz so brillanten auf der Strecke.

Alternativen zum Job nach dem Examen

Ex-Studenten, die ihre Existenz nicht in der Kabine eines Callcenters fristen wollen, treibt das Leben ohne Job nicht selten in die Selbständigkeit. Oder sie veröffentlichen aus der Arbeitslosigkeit heraus mehr wissenschaftliche Beiträge als manch einer ihrer ehemaligen Professoren.

Die Autorenschaft im stillen Kämmerlein, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet schein vor allem bei Alumni mit medialem Schwerpunkt eine häufige Karriereoption zu sein. Doch “selbst und ständig” zu arbeiten, dem finanziellen Druck und der daraus resultierenden Unsicherheit standzuhalten, ist nicht Jedermanns Sache.

Nicht anders ergeht es denjenigen, die “notgedrungen” promovieren. Nur, um als “Ph.D.” vor derselben Bewerbungssituation zu stehen wie Jahre zuvor. Mittlerweile überqualifiziert, aber nach wie vor unterbezahlt.

Absolventinnen bleibt noch die “Flucht” ins Mutter-Dasein. Doch damit schrumpfen die Chancen auf einen späteren (Wieder-)Einstieg zusehends. Wer dann noch an der 40er Altersmarke schrammt, fällt häufig endültig aus dem Raster der gesuchten Mitarbeiter heraus.

Um möglichst gut auf das bevorstehende Beschäftigungs-Vakuum vorbereitet zu sein, ist es wichtig , sich so früh wie möglich über Berufsbilder und -chancen zu informieren. Das kann in der regulären Studienberatung der Hochschule geschehen oder im Rahmen einer Berufsberatung der Agentur für Arbeit.

Praktika und Nebenjobs

Neben Praktika tragen auch Nebenjobs dazu bei, sich beruflich zu orientieren. Und zwar zu jedem Zeitpunkt, sprich: vor und nach der letzten Prüfung. Mit Blick auf die Zukunft erscheint es vor allem wichtig, dass Sie die Kenntnisse und Fähigkeiten aus Ihrem Studium in die jeweilige Beschäftigung einbringen können.

Und selbst, wenn Sie dadurch keinen direkten “Fuß in die Tür” des potenziell nächsten Arbeitsgebers bekommen, erhalten Sie in der Zeit ggf. eine konkretere Vorstellung von Ihrem Wunschjob.

Freiwilligenjahr

Oder stehen die Termine für Abschlussklausuren fest, aber noch kein gescheiter Plan für die Zeit danach? Wem zum Ende des Studiums eine voraussichtlich längere Arbeitslosigkeit droht, kann ihr auch zum Beispiel durch ein Freiwilligenjahr (FSJ / FÖJ) im In- oder Ausland entgegentreten.

Jenseits der frustrierenden Routine aus Bewerbungen, Absagen und den Mühlen der Arbeitslosenverwaltung können sich auch auf diese Weise neue Job-Perspektiven ergeben.

Auf diese Weise lässt sich nicht nur die Periode bis zu Ihrem nächsten Job sinnvoll überbrücken. Auch die drohende Beschäftigungslücke im Lebenslauf wird gefüllt. Zwar sind selbst Auslandsaufenthalte mit Spitzenexamen mittlerweile keine Job-Garanten mehr.

Aber gezielte Weiterbildung und kluger Aktionismus machen sich in der Vita immer besser als sinnentleerte Monate mit Dauerberieselung durch TV-Formate von zweifelhaftem Nutzwert.

Umdenken notwendig

Wenn Sie Ihre Zukunft aber weder im Ausland noch in unterzahlten Studentenjobs sehen, kann eine Umorientierung der richtige Schritt sein. Selbst, wer im vermeintlichen Traumjob keine Anstellung findet, braucht sich nicht mit einer Daueranstellung als “Bachelor of Taxifahren” begnügen.

Daher ist es zum Teil allein der Konjunktur geschuldet, wenn Sie beispielsweise mit einem Master in Anglistik keine Anstellung als Redakteur finden. Das heißt aber nicht, dass Sie nicht auch als Übersetzer oder in einer Werbeagentur arbeiten könnten.

Reine Panikmache?

Einige Experten – darunter die Berufsberaterin Uta Glaubitz – meinen, das Thema “Akademiker und Arbeitslosigkeit” sei reine Panikmache, und diene einmal den Produzenten von Talkshows und Verlegern von Karrieremagazinen zur Steigerung der Aufmerksamkeit.

Ein Geschäft mit der Angst, die so allmählich zur Lebenseinstellung werde. Dazu verweisen sie auf die konstant niedrigen Quoten, die die Arbeitsagentur in ihren regelmäßigen Berichten bestätigt. Doch die Erkenntnis, nur eine Normvariante der Statistik zu sein, nützt den akut Betroffenen wenig.

Weiterführende Links

Unicum – Tipps rund um Studium, Beruf und Karriere
Arbeitsagentur – Arbeitsmarktbericht als PDF (Stand: Mai 2012)
Sozialleistungen Info – Sozialhilfe & Hartz IV, übersichtlich & verständlich