Die besten Gründe, nicht zu studieren

“Ja, das Studium war doch die schönste Zeit!”, schwärmen Eltern und Ehemalige noch Jahrzehnte nach dem Examen. Im Klartext: Danach geht’s nur noch bergab? Was dabei häufig nostalgisch nebulös verschwimmt: Streng genommen gibt es viele gute Gründe, einen großen Bogen um die Uni zu machen. Wir nennen die besten.

Sie mögen denken: “Jetzt noch das Abi packen, dann wird endlich gelebt!” Doch, mal im Ernst: In den meisten Fächern geht es doch nur darum, in welcher Berufssparte der Studienbewerber eines Tages arbeitslos wird. So gesehen ist die Studentenschwemme lediglich eine Möglichkeit, die Arbeitslosenzahlen zu beschönigen.

Orientierung

Schließlich blenden Bilderbuch-Karrieren wie Unternehmer X oder Rechtsanwalt Y großzügig aus, dass jedes System nur wenige Gewinner zulässt. Wie im Lotto. Sonst würden ja jedes Jahr Millionen Studienanfänger es zu etwas bringen.

Oder vielleicht wollen sie sich auch nur selbst verwirklichen? Gut und schön, aber interessanterweise wird “sich selbst verwirklichen” immer nur in der grammatikalischen Zukunft benutzt: “Ich werde mich selbst verwirklichen”.

Ein “vergangene Woche habe ich es endlich geschafft, mich selbst zu verwirklichen” kommt so gut wie nie vor. Für diese Kandidaten wird das Unternehmen “Selbstverwirklichung” zur Gratwanderung zwischen Selbstbetrug und nüchterner Erkenntnis.

Lernen

Vor der Erkenntnis steht üblicherweise das erste Semester. Bepackt mit kiloweise Broschüren und Verzeichnisen irrt der Neuling durch die neue Studienheimat. Auf der Suche nach Orientierung findet er darin: einen Sermon über die Geschichte der Uni und die Leistungen der Studentenvertretung für alle, die das Grußwort des Rektors durchgelesen haben.

Weiter hinten wird ein ums andere Mal das akademische Viertel erklärt. In der Realität entpuppt sich auch diese Einrichtung als fatale Fehleinschätzung: Schließlich sind alle maßgeblichen Veranstaltungen eine dreiviertel Stunde vor Beginn überfüllt.

Die “O-Woche” bringt keine Linderung: Führungen durch Bibliothek, Mensa und Fahrradparkplätze dienen vornehmlich dem (Pflicht-)Schein. Als Ersti indes glaubt man alles, merkt sich aber nichts.

Wer eine Möglichkeit sucht, die Methoden des Lernens und der wissenschaftlichen Informationsbeschaffung praktisch anzuwenden, findet sie ohnehin im richtigen Leben:

Zum Beispiel in innerstädtischen Großbaustellen, die den kürzlich erstandenden Stadtplan überflüssig machen. Von den geänderten Busfahrplänen (mit sporadischen Ersatzhaltestellen!) ganz zu schweigen.

Finanzen

Neben Karriere und Selbstverwirklichung argumentieren viele Erstsemester mit “Besser als arbeiten”. Allerdings will auch das Geld fürs Studium irgendwie aufgetrieben werden: Finanzspritzen der Eltern implizieren immer den Vorwurf “Du gibst es ja doch bloß aus!”.

Lieber nach Alternativen suchen: Doch diejenigen, die sich im warmen BAföG-Regen duschen, ignorieren geflissentlich, dass es nur um die Nachzahlung für die zurückliegenden elf Monate seit Antragstellung handelt. Das ist der Zeitpunkt kurz vor dem Nachfolgeantrag.

Das heißt konkret: Wieder einmal Anstehen beim BAföG-Amt, Unterlagen ausfüllen, Mietbescheinigung erbringen, Einkommensnachweise der Eltern, Konto-Auszüge, Vergessenes nachreichen und so weiter.

Nebenjobs hingegen machen zwar niemanden reich, sichern aber das Überleben (zumindest bis zur nächsten Schicht im Callcenter). Und fungieren Nebenjobs im Zweifelsfall als prima Alibi, mal wieder nicht studieren zu können.

Leben

Untrügliche Anzeichen dafür, dass ein Student “wohnt”, sind eine Anschrift und ein Briefkasten – auch, wenn der zuweilen mehr Quadratmeter hat als die eigentliche Studentenbude. Wer es schafft, trotz aller Vorwürfe (“‘Du willst doch nur rumgammeln!”, “Das ist undankbar!”) der elterlichen Obhut zu entkommen, sucht sich eine eigene Bleibe.

Studentenwohnheime

Mit dem Halbjahreszeugnis der 11. Klasse in der Tasche, führt der Weg zum Studentenwerk, um sich in die Bewerber-Datenbank fürs Studentenwohnheim einzutragen. Spätestens zum zweiten Semester sollte es dann auch mit dem Platz klappen.

Zugegeben: Luxus sucht man hier in der Regel vergeblich, doch als Umkleidekabine fürs Studium reicht es den meisten. Weswegen es dort häufig auch so riecht. Nur übertüncht von dem am häufigsten benutzten Gewürz der Woche.

Ob das Odeur einem der Zimmer entströmt oder der Gemeinschaftsküche auf dem Flur (wahlweise: Ketchup- oder Milch-Flecken hinterm Herd), ist allerdings nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Sicher aber ist, dass die Wohnheimverwaltung auf jedem Flur mindestens einen Nutella-Dieb unterbringt.

Wohngemeinschaften

Obwohl: die gibt es auch in Wohngemeinschaften. Jener Form des studentischen Zusammenlebens, die durch Seifenopern nur unzulänglich beschrieben wird. Anders als im Fernsehen kommunizieren die Mitbewohner ihre Befindlichkeit nämlich nicht.

Sie sagen nicht: “Sorry, dass ich dein neues Nutella-Glas leer gemacht hab, aber ich war heute nicht so gut drauf, weil ich über die Sache mit Thomas noch nicht hinweg bin. Außerdem krieg ich meine Tage.” Stattdessen knallen sie einfach die Küchentür. Und auch die Antwort, wer nochmal Thomas war, bleiben sie schuldig.

Es sei denn, die Mitbewohner kommunizieren über Klebezettel in der Küche – oder machen sich durch lautstarkes Klopfen an der Badezimmertür bemerkbar.

Karriere

Und da waren noch die Seminare und die “einzig wahren ultimativen Semesteranfangs-Partys”, die Dozenten und Kommilitonen, die Studentengremien, die  Univerwaltung usw.

Wer das alles überlebt hat, der kommt irgendwann an den Punkt: “Das war’s.” Gemeint ist nicht die kapitale Sinnkrise, die einen ereilt, wenn man an die Zukunft denkt – eine drohende Zukunft zwischen unbezahlten Praktika und Hartz IV-Eingliederungsauflagen.

Nein, gemeint ist das bevorstehende Examen, begleitet vom hehren Vorsatz “Ein letztes Mal anstrengen, dann wird endlich gelebt.”

Hat man es endlich hinter sich, beginnt die Suche nach dem ersten Job. Im besten Fall können Sie Ihre alten Connections reaktivieren: Pizza ausliefern oder Mobilfunk-Verträge per Telefon verscherbeln. Bringt zwar das nur unwesentlich mehr Nettogehalt als ALG 2, aber: es ist zumindest eine Festanstellung!

Derart selbstbewusst können Sie sich auch auf eines der Ehemaligentreffen der kommenden Jahre trauen: Ok, die größten Unsympathen von einst werden dann wahrscheinlich unanständig hoch bezahlt. Haben Häuser, Autos, Boote und schöne Frauen, aber sonst?

Tauschen wollen wir natürlich nicht mit denen. Dann schon lieber die restliche Zeit auf Erden als moralischer Sieger tapfer erdulden.

Weiterführende Links

Bernd Zeller – Cartoonist und Autor von “101 Gründe nicht zu studieren.”
Rake – Verlag für junge Literatur und Satire