Nostalgie und Grusel – Geisterstädte

Man kennt sie vor allem aus Western und Zombiefilmen: Geisterstädte. Besucher umfangen hier Nostalgie und Grusel. Umgeben von den stummen Zeugen vergangener Epochen, scheinbar von heute auf morgen sich selbst überlassen. Doch Geisterstädte gibt es überall auf der Welt. Ein paar stellen wir hier vor.

Eine Kirche mit eingefallenem Dach, ein Truck, der im Wüstensand vor sich hinrostet. Sogar die Auslagen im Krämerladen liegen noch da, als warteten sie noch immer auf Kunden. Nur, dass hier schon seit fast 100 Jahren kein Mensch mehr gekauft hat.

Geisterstädte in den USA

Szenerien wie diese sind nichts Ungewöhnliches. Zumindest nicht, wenn Sie eine Geisterstadt durchstreifen. Und obwohl zahlreiche in den USA beheimatet sind (6.000 soll es allein im Bundesstaat Kansas geben), findet man sie auf der ganzen Welt.

Ihre Geschichten handeln meistens von einem steilen Aufstieg, einer kurzen Glanzzeit und einem ebenso abrupten Ende. Das verleiht Geisterstäten dieses Quantum Tragik, das immer mitschwingt, wenn man ihre Ruinen durchstreift.

Bodie

Bodie ist so etwas wie das Vorzeige-Objekt, wenn es um Geisterstädte geht. Die Ortschaft wurde 1859 gegründet, rund 300 Kilometer östlich von San Francisco. Bereits 1880 hatte die kleine Minensiedlung rund 10.000 Einwohner. Grund war der in Kalifornien grassierende Goldrausch.

In dieser Zeit verzeichnete Bodie mehr als 60 Saloons entlang der Hauptstraße, es gab ein veritables “Chinatown”, und der Ruf der Stadt als verruchtetes “Meer der Sünde” hallte über die Stadtgrenzen hinweg. Doch je weniger Gold zutage gefördert wurden, desto mehr Menschen verließen den Ort.

1890, zehn Jahre später, wohnten hier nur noch knapp 600 Menschen. Auch, als in den 1930er Jahren ein Feuer große Teile von Bodie zerstörte, blieben noch 100. Seit 1962 steht Bodie unter Denkmalschutz. Zu besichtigen gibt es etwa 170 Gebäude.

Darunter der Saloon, die Methodistenkirche, mehrere Wohnhäuser und das große Minengebäude. Die geringe Luftfeuchtigkeit in der Wüste von Nevada macht Bodie zu einem der am besten erhaltenen Ghosttowns der USA.

Centralia

Ein Szenario wie aus einem Endzeit-Horrorfilm bietet sich indes in Centralia (Pennsylvania):  Zwischen 1840 und 1960 zählte die Stadt bis zu 2000 Einwohner, eine Highschool, zwei Theater, fünf Hotels, sieben Kirchen und 27 Saloons.

Die meisten Bürger waren Arbeiter und mit der Förderung von Athrazit-Kohle beschäftigt. Bis zu jenem Tag im Jahre  1962, als sich in einer Mine ein Feuer entzündete. Die Folge: Ein Schwelbrand, der bis heute andauert – und Centralia unbewohnbar macht.

Der Grund dafür ist bis heute unklar: Die einen gehen davon aus, dass eine unterirdische Mülldeponie in Brand gesetzt wurde, um anlässlich des Memorial Days in der Stadt “aufzuräumen”. Auch Selbstentzündung wird nicht ausgeschlossen.

Zunehmende gesundheitliche Beschwerden unter den Bewohnern sorgten schließlich dafür, dass die Stadt mit der 1980er Jahre nahezu vollständig umgesiedelt wurde. Alle Versuche in der Vergangenheit, das Feuer zu löschen, versagten.

Und so wird es wohl noch rund 200 Jahre dauern, bis es von selbst erlischt. Die metertiefen, qualmenden Spalten im Straßenbelag und ausgestorbenen Straßenzügen dienten als Vorlage für das Computerspiel “Silent Hill”.

Geisterstädte in Asien

Auch in Asien gibt es zahlreiche verlassene Orte. Nicht nur die geheimnisvollen Tempelstädte von Agkor Wat (Kambodscha)  oder Bhangarh (Indien), die seit Jahrunderten wie verwunschen vor sich hindämmern. Ebenso zeugen neue Gebäude und Straßen von der Expansion der Menschen.

Shan Zhi

Ehrgeizig in dern 1980er Jahren gestartet, sollten hier Domizile für die Superreichen in Taiwan entstehen. Doch bald häuften sich während des Baus schwerwiegende Unfälle, und letztendlich führte akuter Geldmangel zum Baustopp.

Heute weht der Wind durch die zerbrochen Panorama Scheiben der Appartements, die genauso gut die Brutstätten einer außerirdischen Rasse in einem Sci-Fi-Blockbuster darstellen könnten. Der Mythos der verunglückten Bauarbeiter, die seit dem durch die Ruinen geistern, tut sein Übriges, dass es so bleibt.

Hashima

Die wegen ihrer äußerlichen Erscheinung auch  “Gunkanjima” (Kriegsschiff-Insel) genannte Insel liegt vor der südwestlichen Küste Japans und gehört zur Stadt Nagasaki. Ende des 19. Jahrhunderts kauft der Automobil-Hersteller Mitsubishi das Areal, um Kohle zu fördern.

Mit bis zu 5.000 Einwohnern wurde Hashima in seiner Blütezeit zum am dichtesten besiedelten Ort der Welt. Als in den 1960er Jahren die japanische Industrie von Kohle auf Öl umstieg, ging es auch mit Hashima bergab. Seit 1974 ist die Insel menschenleer. Pläne, Gunkanjima als Tourismus-Magnet herzurichten, existieren bereits.

Geisterstädte in Europa

Doch zuweilen muss man gar nicht mal den Kontinent wechseln, um Geisterstädte zu finden. Auch in Italien gibt es eindrucksvolle Beispiele ehemaliger Besiedelung.

Craco & Balestrino

Wegen massiver Erdbeben und Dürreperioden verließen die Einwohner von Craco (Süditalien) und Balestrino (Nordwest-Italien). Sie wurden umgesiedelt oder wanderten in die USA aus. Heute erobert sich die Natur die mittelalterlichen Gebäude und Gassen zurück.

Immerhin: Die wild-romantische Bergidyllen dienten unter anderem als Kulisse für Filme wie “Tintenherz” und “Die Passion Christi”.

Varosha

Einst war Varosha ein beliebtes Reiseziel auf der Mittelmeer-Insel Zypern. Doch mit dem Einmarsch der türkischen Besatzer 1974 mussten die Zyprioten fliehen – und kamen nicht mehr zurück. Heute wird der Stadtteil von Famagusta nur von Soldaten und UN-Personal betreten. Und von Meeresschildkröten, die sich jenseits des Touristenzentren wieder ansiedeln konnte.

Pripyat

Weniger idyllisch gestaltet sich Umgebung in der ukrainischen Stadt Pripyat. Schließlich explodierte im April 1986 nur vier Kilometer entfernt das Kernkraftwerk Tschernobyl. Und so wurde aus der 1970 gegründeten Arbeiterstadt mit etwa 50.000 Menschen innerhalb weniger Tage eine Geisterstadt.

Heute, mehr als 25 Jahre nach der Katastrophe, mutet Pripyat an wie ein Museum für Sowjetgeschichte. Aktuell leben hier wieder Menschen –  hauptsächlich Wissenschaftler, Wachsoldaten und illegale Einwanderer – doch auch Reisegruppen finden hier ein (zugegeben: morbides) Vergnügen. Die Busfahrt von Kiew bis zur Sperrzone dauert circa eine Stunde.

Weiterführende Links

Ghost Town Gallery – Privates Fotoprojekt mit Verzeichnis vieler Geisterstädte in den USA
Zehn – Listen mit unterhaltsamen Fakten für Beruf und Freizeit

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